Mehr Staat im Gesundheitswesen? - Acht Thesen zu einer zur Unzeit aufkeimenden Systemdebatte

Noch agiert die Gesundheitspolitik unter der exekutiven Handlungslogik der Gefahrenabwehr, da melden sich schon erste Stimmen, die auch nach der Krise für eine stärkere Rolle des Staates im Gesundheitssystems werben.

Ohne Reformbedarfe im Detail in Abrede stellen zu wollen, so der Autor der Studie, Jochen Pimpertz, lasse sich mit Blick auf die stationäre Versorgung bislang nicht erkennen, dass es hierzulande an Bettenkapazitäten mangelt. Möglicherweise habe gerade die hierzulande nach der Trägerschaft stark differenzierte Krankenhauslandschaft eine Anpassung der Notfallkapazitäten begünstigt – ein Hinweis auf eine höhere Leistungsfähigkeit öffentlicher Träger, die als Begründung für eine stärkere staatliche Steuerung oder Bereitstellung interpretiert werden könnte, lieferten die Indikatoren jedenfalls nicht. Eher sei zu vermuten, dass im schlimmsten aller Fälle personelle Engpässe drohen – der ultimative Stresstest sei Deutschland bislang glücklicherweise erspart geblieben.

Pimpertz zufolge wird auch die Rolle der privatwirtschaftlich organisierten ambulanten Versorgung bislang wenig beachtet. Zusammen mit dem erleichterten Verfahren der Krankschreibung hätten die Haus- und Fachärzte aber möglicherweise dazu beigetragen, Infektionsgefahren in den Belegschaften der Unternehmen zu minimieren. Pimpertz: "Wenn sich die Vermutung bestätigt, dass neben den umfassenden Kontaktbeschränkungen weitere Faktoren günstig auf die Verbreitung des Coronavirus in Deutschland gewirkt haben, wäre es fatal, im Nachgang jene Strukturen in Frage zu stellen, die maßgeblich zu einer vergleichsweise erfolgreichen Krisenbewältigung beigetragen haben."